Aus dem Krieg in die Elektronik

Ein Gespräch mit Mohamad Khir Mohamad und Marc Albin Alge von alge electronic.

Mohamad, du arbeitest seit letztem Frühling bei der alge electronic. Woher stammst du und wie bist du nach Österreich gekommen?

Mohamad Khir Mohamad: Ich komme aus einem kleinen Dorf aus Syrien, das an der Grenze zu Jordanien liegt. Das ist leider auch dort, wo der Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Um für meine Frau und mich ein sicheres Leben zu suchen, habe ich Syrien mit anderen Flücht­lingen verlassen und bin auf der Balkanroute nach Österreich gelangt. Heute haben wir beide einen Konventionsreisepass.

Was ist deine berufliche Vorbildung und was zählt heute zu deinen Tätigkeiten?

Mohamad Khir Mohamad: Ich habe in Syrien die Matura gemacht und bis zum Kriegsausbruch als Kabeltechniker bei Syria Telekom gearbeitet. Dort habe ich Erdkabel verbunden. Bei alge electronic bin ich für unterschiedliche Arbeitsschritte bei verschiedenen Produkten (alge electronic entwickelt, bestückt und montiert kundenspezifische Elektronik; Anm. d. Red.) verantwortlich. Darunter fallen das Löten, Verbauen, Prüfen und Verpacken von Produkten. 

Marc, was war für euch als Unternehmen im Zuge des ­Einstellungsprozesses wichtig?

Marc Albin Alge: Dieselben Punkte, die wir auch bei allen anderen Bewerbungen berücksichtigen: Passen wir charakterlich zusammen? Haben wir dasselbe Verständnis eines offenen und respektvollen Miteinanders? Stellen wir beide im selben Maße Selbstverantwortung für uns, unsere Arbeit und unser Leben in den Fokus? Bei Mohamad waren alle diese Punkte gegeben, vor allem der letzte: Wer sich einer derart ungewissen Reise wie er stellt und sich im positiven Sinne behauptet, kann gar nicht anders, als eine enorme Selbstwirksamkeit zu erleben. Das hat uns imponiert.

Und fachlich?

Marc Albin Alge: Mohamads Vorwissen war sicher von Vorteil – da wir hochtechnologische Produkte fertigen, ist neben allen persönlichen Aspekten auch ein technisches Grundverständnis wichtig. Wir hatten im Zuge des Praktikums (Anm.: über das AMS und Aqua Mühle) dann die Möglichkeit, Mohamad fundiert und anhand unserer Anforderungen an unsere eigene Arbeit einzuschulen. Er hat sich dabei vom ersten Tag an als äußerst genauer, technisch versierter und geduldiger Mitarbeiter präsentiert. Da ist uns die Entscheidung leichtgefallen.

Mohamad, du hast nun den direkten Vergleich ­zwischen der Arbeit in zwei Kulturen: Was sind für dich die größten ­Gemeinsamkeiten?

Mohamad Khir Mohamad: Ich finde, dass den Menschen hier und in Syrien Freundlichkeit und Höflichkeit wichtig sind. Dazu zählt, dass meine ArbeitskollegInnen mit mir Hochdeutsch und nicht Dialekt sprechen. Der Respekt für die Kultur des anderen ist wichtig. Ich habe hier bei alge electronic und allgemein, seit ich in Österreich bin, sehr gute Erfahrungen gemacht. Manche Dinge sind auch anders. Syria Telekom war ein sehr großes Unternehmen – alge electronic ist eher wie eine Familie.

Marc, aufgrund des Krieges suchen immer mehr Menschen aus den Kriegsgebieten den Weg nach ­Österreich. Wie sind eure Erfahrungen mit der ­neuen Kultur?

Marc Albin Alge: Mohamad hat richtig gesagt, dass Respekt für die Kultur des anderen wichtig ist. Der muss beiderseitig vorhanden sein – und ist es in ­unserem Fall. Wir hatten deshalb zu ­keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die kulturellen Unterschiede ein Problem sein könnten. Im Gegenteil: Ich kann für unser Team sprechen, wenn ich sage, dass wir nicht nur aufgrund von Mohamads sehr genauer Arbeit, sondern auch aufgrund seiner höflichen und unaufgeregten Art froh sind, dass er zu uns gehört. 

Und welche Gründe waren ausschlaggebend, um trotz ­Mohamads fehlender Elektronikausbildung den Schritt ­zur Zusammenarbeit zu wagen?

Marc Albin Alge: Das ist eine einfache Rechnung: Damit der Arbeitsmarkt über Fachkräfte verfügt, müssen wir als Unternehmen sie auch ausbilden. Das gilt nicht nur für Mohamad, sondern auch in der Lehrausbildung. Würden wir Vorarlberger Unternehmen nur mehr Fachkräfte suchen, statt in ihre Ausbildung zu investieren, würde es der Wirtschaftsstandort Vorarl­berg auf lange Sicht schwer haben. In Mohamads Fall kommt aber noch eine weitere Komponente hinzu: Durch das „Anstupsen“ und die Starthilfe von AMS und Aqua Mühle war es für uns eine gute Gelegenheit, uns zu fragen, ob wir nur technologischen und digitalen Einflüssen gegenüber offen sind, oder halt eben auch kulturellen. Eine Wagenburg-Mentalität hilft hier keinem. Wir sind deshalb lieber ein in Vorarlberg verwurzeltes Familienunternehmen, das nicht trotz, sondern wegen seiner kulturellen Vielfalt für seine KundInnen und MitarbeiterInnen das „kleine bisschen Mehr“ schafft.

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